Kullmann Zimmermann Gutachter Forensik, Pelze, Felle, Präparate, Ballistik, Luchs, Wolf, Carnivora, Raubtiere, Wildlife, Anatomie

5. Beispiel: Beschuss auf Luchs

Der Beschuss müsste von vorne, fast frontal erfolgt sein.

Ein möglicher Schütze stand ggf. leicht rechts versetzt zum Luchs ( s. Bildrekonstruktion ).

Die Katze könnte nach unserer Berechnung bei Schussabgabe in sitzender Position gewesen sein. Dies ergibt sich aus den Winkelberechnungen der ballistischen Rekonstruktion. Das Projektil (blaue Linie) traf mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit den Humerus nicht mittig, sondern etwas versetzt auf der rechten Innenseite (Blickrichtung = Schussrichtung).

Bedingt durch die Außenwölbung und durch die für uns mögliche Position des Humerus könnte das Projektil (evtl. gestaucht) leicht nach unten abgelenkt worden sein.

Näherungsweise vergleichbare Beschussversuche an 6mm-Hartholzstäben durch die DEVA zeigen eine ähnliche Tendenz der Ablenkung nach links unten, bei rechtsseitigen Streifschüssen.

Am Humerus wurden erhebliche Knochenabsplitterungen dokumentiert (Bilddokument Humerus). Durch Knochenkontakt kann es grundsätzlich zu einer Ablenkung des Geschosses kommen.

 

Rekonstruktion Humerus rechts

An den Schürfsaum schließt sich ein Dehnungssaum an aus zerstörten Blutgefäßen. Die Haut wird beim Eindringen des Geschosses zunächst stark gedehnt. Durch die Elastizität der Haut wird diese jedoch wieder zusammen gezogen (Retraktion), so dass am Ende ein etwas kleinerer Hautdefekt (Einschussloch) als das eigentlich verwendete Kaliber zurückbleibt. Der Einschussdefekt ist rund, trifft das Projektil schräg auf ist er auch oval.

Die Alternative eines Beschusses von unten auf den stehenden Luchs wurde auch in Betracht gezogen. Eine ballistische Rekonstruktion wurde am stehenden Luchs dokumentiert, wobei angenommen wurde, dass ein Projektil in fast rechtem Winkel auf den Humerus traf. Voraussetzung hier war wiederum, das dass Projektil die rechte Innenseite des Humerus getroffen haben muss (Blickrichtung = Schussrichtung). Die Außenwölbung/Humerus liegt dabei im rechten Winkel zum Projektil. Der dadurch mögliche hervorgerufene Ausschuss konnte wie auf der Bilddokumentation zu sehen, auf der linken Brustkorbseite (Blickrichtung = Schussrichtung) dokumentiert werden.

Zieht man die oben genannten Ablenkungen aus den DEVA Versuchen näherungsweise in Betracht und legt die geringen Brustkorbabmaße des Luchses zugrunde, können bereits geringe Winkelabweichungen zu einem rechtsseitigen Ausschuss führen.

 

Das Projektil ist in den Brustkorb, in Höhe der Rippenknorpel der 2. Rippe, eingedrungen und müsste nahe der rechten Rippeninnenseiten einen Wundkanal geformt haben. Hier können wir uns einen fast gradlinigen Verlauf des Wundkanals vorstellen, da nach Rekonstruktion (morphometrischer Vergleich) derselbe nach unserer Berechnung und der damit verbundenen Rekonstruktion nur ca. 20 cm lang gewesen sein kann.

Eine permanente Wundhöhle sollte in diesem Fall im Durchmesser sehr schmal gewesen sein.

Die Rippen der rechten Brustkorbinnenseite können nicht durch das Geschoss bzw. Geschossfragmente getroffen bzw. geschädigt worden sein, da dies an der Innenseite (lederseitig) des Fells nicht dokumentiert worden ist. Auf dem uns zugänglichen Foto sind ausschließlich kräftige Blutungen lederseitig bei Ein- bzw. Ausschuss erkennbar.

Der Wundkanal lag sehr nahe an den Rippen, ohne dieselben wahrscheinlich zu beschädigen. Es ist deshalb durchaus vorstellbar, dass ein deformiertes Vollgeschoss oder ein deformiertes Teilmantelgeschoss Anwendung fand.

 

Auf einer ungefähren Höhe zwischen der 9. und 13. rechtsseitigen Rippe ist ein Ausschuss nahe der Wirbelsäule mit mehreren Löchern im Fell fotografisch dokumentiert.

Es ist möglich, dass Teile ab der 9. Rippe nahe der Wirbelkörper durch das Projektil oder Projektilfragmente beschädigt und mitgerissen worden sind. Beachtung fand auch bei unseren Überlegungen, dass die Haut der Katze sehr dünn und empfindlich ist. Ähnliche Ausschüsse wurden auch schon durch den Einsatz von Vollgeschossen (z.B. Barnesgeschoss) bei Knochentreffern beschrieben, jedoch war hierbei das Geschoss bereits aufgepilzt.

Dies ist bei dem früh im Wildkörper auftretenden Knochentreffer sehr unwahrscheinlich.

 

Der Ausschuss kann grundsätzlich wesentlich größer als der Einschuss sein, wenn sich das Projektil beim Durchschuss verformt oder überschlägt und Knochensplitter in Schussrichtung mit dem Projektil aus der Wunde austreten.

Eine weitere Möglichkeit stellt die gewollte Splitterabgabe durch das Geschoss dar. Hierbei werden 3-5 größere Geschosssplitter vom Restgeschoss getrennt und durchschlagen zusätzlich mit diesem Ausschussseitig den Wildkörper.

 

Anhand beider Möglichkeiten ließe sich der Ausschuss mit mehreren Löchern, der durch das Foto der Fellinnenseite dokumentiert ist, erklären.

Mögliche Rekonstruktion:

Luchs sitzend, Beschuss frontal, Geschoss trifft auf Humerus, Knochensplitter mit Gewebezerstörung im Einschussbereich, evtl. Überschlagen oder Aufpilzen/Splitterabgabe des Geschosses, schmale Wundhöhle, Ausschuss mit Rippenfragmenten und/oder Geschosssplittern und Blutungen.

Team Forensik V.A.E. Zimmermann, F. Trapp